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Roman: Die Rebellin von Shanghai (7)
Von Tereza Vanek
Übersicht

Wenrou musterte die vertrauten Gebäude des Kaiserpalastes, während er seinem Schwiegervater hinterherschritt. Auf das Mittagstor, Wumen, folgte das Tor der höchsten Harmonie, Taihemen, anschließend weitere Höfe und Räume, die symmetrisch und akkurat angeordnet waren. Auf den äußeren Bereich, Waichao, der für offizielle Zeremonien und Staatsempfänge gedacht war, folgte der innere, Neiting genannt.

Hier lebte die kaiserliche Familie, und nur den ranghöchsten Staatsbeamten sowie vertrauten Bediensteten war es gestattet, diese Räume zu betreten. Den zahllosen, ausgemergelten, zerlumpten Untertanen war der Eintritt in die gesamte Anlage strengstens verboten. Wenrou wusste, dass er es als Ehre empfinden sollte, wieder an diesen Orten zu sein, doch weckte der Anblick von Yang Xin Dian, der Halle zur Pflege des Herzens, nur unangenehme Erinnerungen.

Hier hatte er zusammen mit dem jungen, schmächtigen Kaiser Guangxu gesessen, dessen Stimme aufgrund einer Lungenkrankheit kaum verständlich war, aber auch mit energischen Männern wie Kang Youwei und Liang Qichao. Sie hatten einen Reformplan ausgearbeitet, der aus dem in uralten Traditionen schlummernden China eine moderne Nation machen sollte, die den Weltmächten die Stirn bieten konnte. Nun waren die beiden Wortführer der Reform im japanischen Exil, um der Todesstrafe zu entgehen.

Der junge Kaiser lebte wie ein Gefangener im Sommerpalast. Inmitten des prächtig geschmückten Saals stand ein Paravent, und dahinter saß sie, Cixi, jene einstige Konkubine, die ihrem inzwischen verstorbenen Gemahl als Einzige einen Sohn geboren hatte. Auch dieser war bereits verstorben. Wegen ihrer Frömmigkeit und ihres ehrwürdigen Alters wurde Cixi oft ‚der alte Buddha‘ genannt.

Als Witwe trat sie zunächst gemeinsam mit der ersten Gemahlin die Regentschaft an, verdrängte diese bald schon völlig und hielt seitdem die Macht in ihren winzigen, knotigen Händen, die Wenrou einmal zu Gesicht bekommen hatte, als die Regentin ihn zum Tee einlud. Um sie herum saßen all die kaiserlichen Verwandten und hohen Beamten, die das alte Weib zu Hilfe gerufen hatten, da die geplante Reform sie in ihrer Existenz bedrohte. Wenrou wusste, dass es Gerüchte über die geplante Ermordung der Kaiserinwitwe gegeben hatte, doch glaubte er nicht daran. Der zarte, friedliebende Kaiser wäre niemals dazu fähig gewesen. Doch musste Yuan Shikai, ein Verräter und Überläufer, es Cixi so dargelegt haben, denn sie hatte gnadenlos zurückgeschlagen.

Und nun war sie wieder an der Macht.

„Es wird um die Ereignisse in Shandong gehen, deiner Heimat“, flüsterte sein Schwiegervater ihm zu. Wenrou war überrascht, denn er wusste von keiner dringlichen Angelegenheit, die eine derartige Versammlung des Großen Rates der wichtigen Staatsbeamten und Militärs notwendig gemacht hätte.


 
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