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Leseprobe: Über Oasen
Von Volker Kienast
Übersicht

Ich habe mich heute auf dem Squashfeld eines Fünf-Sterne Hotels in Nanjing ausgetobt. Eine Dreiviertelstunde alleine die Bälle gegen die Wände geschlagen, bis ich schweißnass aus der Zelle heraus - und in meine Zimmerdusche gewankt bin. Das wird mir die kommenden zwei Tage beim Aufstehen Leid tun, doch es hat gut getan.

Nach der Dusche habe ich in der Hotelbar gesessen und mich beim Kaffee ausgeruht. Abends gab’s dann Steak mit Messer und Gabel in einem entsprechend westlich orientierten Restaurant. In Nanjing sind solche Besuche in „Westoasen“ möglich. Nanjing ist eine sympathische, entspannte Millionenstadt mit vielen Bäumen und Bewohnern, die einen nicht gleich beim ersten chinesischen Wort bewundernd anhimmeln [und sei es nur aus Höflichkeit], sondern einfach auf Chinesisch antworten.

Und trotzdem ist all dies für mich als langjährigen Chinareisenden anstrengend. Den ganzen Tag habe ich mich gefragt, was eigentlich alle die Ausländer zur Entspannung tun, die nicht in den großen Metropolen arbeiten und die nicht über die Westoasen verfügen, die schlicht nötig sind. Wir alle sind durch unsere Erziehung und unser Leben an die westlichen Standards gewöhnt und vermissen sie umso mehr, je weniger wir sie erreichen können. Ich hatte vor einigen Tagen drei Ingenieure in einer deutschen Hotelbar in Tai An getroffen. Dort sind sie für Monate in einem halbwegs komfortablen Hotel untergebracht.

Tai An ist eines dieser typischen Millionendörfer mit einer für europäischen Verhältnisse riesigen Bevölkerung, in der ab spätestens acht Uhr Abends alles dunkel ist. Und dann? Gibt es noch die Hotelbar. Für viele Monate. Fernsehen? Nicht mal CNN, alles ist chinesisch. Da kann einem wohl ziemlich die Decke auf den Kopf fallen. Da hilft auch die Erkenntnis wenig, dass man am Fuße des heiligsten aller chinesischen heiligen Berge wohnt und diesen an freien Tagen besteigen und die Aussicht genießen kann. Denn wie häufig will man das tun?

Mir fällt ein Australier ein, der zwei bis dreimal im Jahr für jeweils sechs Wochen in China ist, alleine unterwegs, ohne ein Wort Chinesisch zu sprechen. Als er mich und meine Frau beim Frühstück bemerkt, lädt er uns sofort zu sich an seinen Tisch und erzählt von seiner Einsamkeit.

Ich habe vor einiger Zeit mit der Frau eines Technikers gesprochen, deren Mann für eine deutsche Firma in Changchun [noch so ein Millionendorf, dieses Mal im Norden Chinas] Anlagen aufstellt. Diese Firma - so nebenbei bemerkt - möchte bestimmt nicht genannt werden, weil sie ihn aus Kostengründen in einem Arbeiterwohnheim für Chinesen wohnen lässt. Dort hatte man beim Bau vergessen, Toiletten einzurichten, was dazu führt, dass jeden Abend für fünfzehn Minuten im Treppenhaus das Licht ausgeschaltet wird.


 
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