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Roman: Die Rebellin von Shanghai (5)
Von Tereza Vanek
Übersicht

Die Chapoo (Zhapu) Bridge um 1900
„Gestern habe ich dich wieder mit deiner kleinen Geisha gesehen“, sagte Geoffrey Leighton vom Freiwilligencorps und schenkte David ein schiefes Grinsen, während er an seiner Seite über den Schießplatz spazierte. „Du hast dich schnell eingelebt, das muss man dir lassen.“

David befreite sich schweigend aus seiner Uniformjacke und warf sie über seine Schulter. Dieser Tag war unerwartet warm geworden, obwohl das Weihnachtsfest schon hinter ihnen lag und ein neues Jahrhundert unmittelbar bevorstand. Sie hatten die wöchentliche Schießübung des Freiwilligencorps soeben hinter sich gebracht. Er beaufsichtigte im Auftrag des diensthabenden Offiziers alle Männer, die sich gemeldet hatten, und war mit ihrer heutigen Leistung zufrieden. Nun würden sie gemeinsam eine Kneipe am Hafen aufsuchen, wie es der Tradition entsprach. Früher hatte er sich auf diese Momente gefreut, die ihn an heimatliche Pubbesuche erinnerten und ihm zudem die Gelegenheit boten, seine Männer besser kennenzulernen. Nun wollte er vor allem Geoffrey Leighton abschütteln.

„Geishas gibt es nur in Japan“, erklärte er, um nicht völlig unhöflich zu sein. „Und sie sind keineswegs so leicht zu haben, wie oft behauptet wird.“

„Na, du bist ja ein richtiger Asienexperte geworden, was?“, kam es spöttisch zurück. „Bald schon kannst du uns Tipps geben, was die Weiber hier betrifft.“

David wandte sich schnell und schweigend ab, denn in seinen Handknöcheln brannte der Wunsch, dem breiten, gutmütigen Gesicht dieses Buchhalters einen heftigen Schlag zu verpassen. Sie brachten die Schusswaffen ins Lager zurück. David überwachte, dass sie sorgfältig gezählt wurden und der Raum abgesperrt war, bevor sie auf die Kiangwan Road im Norden der Stadt hinaustraten. Dann fühlte er sich wieder in der Lage, Geoffrey Leighton anzusehen. Er war ein mittelgroßer stämmiger Mann, gewöhnlich in seiner Erscheinung, seinem Verstand und seinen Ansichten. Es gab keinen wirklichen Grund, ihm Prügel zu verpassen. Aber die Tatsache, dass seine abfälligen Kommentare über asiatische Frauen und damit auch über Charlotte weitverbreitete Meinungen ausdrückten und nicht das Produkt eines außergewöhnlich dummen oder bösartigen Verstandes waren, machte es David schwer, weiter dieselbe Luft zu atmen wie dieser Mann.

„Ihr könnt in dieselbe Kneipe gehen wie letzte Woche“, rief er seinen Männern zu. „Sagt dem Wirt, es geht auf Kosten des Freiwilligencorps. Er kennt euch und weiß, dass er sein Geld bekommt. Aber ich muss jetzt weg. Mein Onkel braucht mich.“

Er vernahm einiges Murren in seinem Rücken, doch die Aussicht auf ein paar kostenlose, kühle Gläser Bier vertröstete die meisten mit seinem Verschwinden. Nur Geoffrey Leighton verharrte hartnäckig an seiner Seite.

„Bist du jetzt sauer? Du magst die Kleine, was? Sorg gut für sie, dann wird sie dir dankbar sein.“




 
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